Persönlichkeitsbildung an Schulen etablieren

Persönlichkeitsbildung ist Kern eines umfassenden individuellen Kompetenzprofils, das dazu beiträgt, im Beruflichen wie Privaten resilient und gestaltungsfähig zu sein. Diese These vertritt Prof. Dr. Ines Weber, Wegbereiterin der akademischen Auseinandersetzung mit dem Thema Persönlichkeitsbildung: "Überall sind Menschen gefordert, mutig voranzugehen, Verantwortung zu übernehmen, achtsam mit dem Gegenüber umzugehen." Die Theologin Weber stellt in ihrem Wirken den Aspekt der "christlichen Persönlichkeitsbildung" dabei besonders in den Fokus: "Zunächst einmal meint christliche Persönlichkeitsbildung weit mehr als Selbstoptimierung, wenngleich es sehr wohl darum geht, die eigenen Gaben, Talente, Fähigkeiten und Stärken zum eigenen Wohl zu bilden. Jedoch endet der Bildungsauftrag nicht bei der eigenen Entwicklung. Jede und jeder ist auch dazu aufgerufen, die Nächsten und damit die Mitmenschen zu unterstützen und zu begleiten." Beginnen müsse die Persönlichkeitsbildung, so Weber, bereits in der schulischen Ausbildung, allerdings nicht als Zusatzfach oder "add-on", sondern integriert in das akademische Verständnis eines jeden Fachs: "Die Bildung von kognitiven, kommunikativen, sozialen und personalen Kompetenzen ist in allen Fächern gleichermaßen möglich. Dann aber gilt es, im Mathematik- oder Englischunterricht Lernräume zu schaffen, in den Menschen sich am fachlichen Gegenstand zu Persönlichkeiten bilden, wo sie zum Beispiel Mut entwickeln, im Team arbeiten, diskutieren und präsentieren können, wo sie Verantwortung übernehmen und dafür immer direkt Rückmeldung erhalten, wo sie Talente entdecken und Stärken entwickeln können. Zugleich müssen Lernende für die Notwendigkeit und den Mehrwert von Persönlichkeitsbildung sensibilisiert werden und verstehen, dass sie allein für ihren Bildungsprozess verantwortlich sind. All das setzt eine entsprechende Haltung auf Seiten der Lehrenden wie Lernenden voraus."

In unserem "Drei Fragen an..."-Interview nimmt Weber, Professorin für Christliche Persönlichkeitsbildung an der Paris Lodron Universität Salzburg und Studienbeauftragte am Ludwig-Windthorst-Haus mit Stellung.

Frage: Wenn wir davon sprechen, dass sich junge Menschen im Leben zurechtfinden sollen, ist auch immer wieder von Persönlichkeitsbildung die Rede. Ist das nicht eigentlich nur ein Schlagwort?

Prof. Dr. Ines Weber: Für mich ist das keinesfalls einfach nur ein Schlagwort oder eine Floskel. Im Gegenteil zeigt nicht zuletzt die aktuelle weltpolitische Lage, wie dringend wir gebildete Persönlichkeiten benötigen, die mit ihren Talenten und Stärken eine gerechte, demokratische, humane, friedvolle Gesellschaft gestalten. Und das ist keine Entwicklung, die uns jetzt erst beschäftigt. Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Zukunftsforscher*innen betonen seit bald zwanzig Jahren, dass ein umfassendes Kompetenzprofil dem Menschen seine Berufsfähigkeit garantiert, ihn resilient und für die Zukunft gestaltungsfähig macht. Ich würde aber noch weiter gehen: Die Herausforderungen bestehen nämlich nicht nur in der Berufs- und Arbeitswelt, sondern genauso in den familiären Zusammenhängen, in Freizeit, Freundeskreis, im Hobby, im Ehrenamt, im Grunde in allen Bereichen des Lebens. Überall sind Menschen gefordert, mutig voranzugehen, Verantwortung zu übernehmen, achtsam mit dem Gegenüber umzugehen. Und genau hier setzt Persönlichkeitsbildung an. Diese und andere Fähigkeiten sollten in entsprechenden Bildungsräumen entdeckt und gebildet werden können. Dabei greife ich eher zum Begriff der Persönlichkeitsbildung in bewusster Abgrenzung zu dem auch immer mal wieder verwendeten Begriff der Persönlichkeitsentwicklung, weil sie ganzheitlich ausgerichtet, letztlich nie abgeschlossen und zudem wertebasiert ist.

Frage: Sie haben insbesondere die christliche Persönlichkeitsbildung im Blick. Wie sehr sehen Sie dabei als Theologin auch einen missionarischen Auftrag?

Prof. Dr. Weber: Zunächst einmal meint christliche Persönlichkeitsbildung weit mehr als Selbstoptimierung, wenngleich es sehr wohl darum geht, die eigenen Gaben, Talente, Fähigkeiten und Stärken zum eigenen Wohl zu bilden. Jedoch endet der Bildungsauftrag nicht bei der eigenen Entwicklung, sondern sieht vor, die Stärken zum Wohle aller in die Gesellschaft einzubringen. Ein solcher Gestaltungsauftrag steht im engen Verhältnis mit dem Tauf- und Missionsauftrag der einzelnen Christin und des einzelnen Christen, verstanden als Erzählen vom Evangelium. Dabei ist jede und jeder allerdings auch dazu aufgerufen, die Nächsten und damit die Mitmenschen zu unterstützen und zu begleiten. Christliche Persönlichkeitsbildung ist also auch Fremd- und Gesellschaftsbildung und steht für ein umfassendes und ganzheitliches Bildungsverständnis, das sich auf alle Lebensbereiche bezieht. Zugleich – und das wäre wichtig hervorzuheben – ist damit keineswegs der Anspruch verbunden, dass das Gegenüber, dem diese Bildung zuteilwird, sich zum Christentum bekehrt. Insoweit, so würde ich es formulieren, ist mein Engagement für Persönlichkeitsbildung ein Ausdruck meines Christseins. 

Frage: Wie können Schulen oder Universitäten mit ihren knappen Ressourcen – sowohl zeitlich als auch personell – denn auch noch diesen Bereich abdecken?

Prof. Dr. Weber: Eine in dieser Weise verstandene Persönlichkeitsbildung darf für Lehrende nicht ein Mehr oder ein Noch-Dazu bedeuten. Schulen und Universitäten sind jetzt schon maximal belastet. Insoweit möchte ich mit diesem Ansatz eher zur Entlastung beitragen. Und die Erfahrung zeigt, wie gut das möglich ist. Denn: Eine so verstandene Persönlichkeitsbildung kann, soll und darf in jedem Fachunterricht geschehen. Es ist kein Zusatzfach oder Zusatzkurs, auch kein Add-on. Die Bildung von kognitiven, kommunikativen, sozialen und personalen Kompetenzen ist schließlich in allen Fächern gleichermaßen möglich. Dann aber gilt es, im Mathematik- oder Englischunterricht Lernräume zu schaffen, in den Menschen sich am fachlichen Gegenstand zu Persönlichkeiten bilden, wo sie zum Beispiel Mut entwickeln, im Team arbeiten, diskutieren und präsentieren können, wo sie Verantwortung übernehmen und dafür immer direkt Rückmeldung erhalten, wo sie Talente entdecken und Stärken entwickeln können. Zugleich müssen Lernende für die Notwendigkeit und den Mehrwert von Persönlichkeitsbildung sensibilisiert werden und verstehen, dass sie allein für ihren Bildungsprozess verantwortlich sind. All das setzt eine entsprechende Haltung auf Seiten der Lehrenden wie Lernenden voraus. Begegnen wir uns auf Augenhöhe, im Miteinander einer Lehr-Lern-Gemeinschaft? Schaffen wir eine Atmosphäre der Freude, der wertschätzenden Anerkennung, des Vertrauens? Nehmen wir jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit wahr, der seine Stärken hat, diese entwickeln darf und damit die Gemeinschaft bereichert? So konstruierte Lehr-Lern-Räume führen dazu, dass Lernen mit Spaß und Leichtigkeit geschieht, Menschen weit über sich hinauswachsen und der Lernzuwachs exponentiell steigt.

Weitere Informationen zu Prof. Dr. Ines Weber und ein Pressefoto zum Download finden Sie hier.